Der Wiener Adventkalender:
Heute, Samstag der 2. Dezember 2017.
Ein Grätzel, das keines ist. Die Seestadt Aspern
Um die Ecke von zuhause liegt sie nicht grad, die Seestadt Aspern im 22. Bezirk, der Donaustadt. Doch die öffentlichen Verkehrsanbindungen sind gut, und so sind mein Hund und ich mit S- und U-Bahn unterwegs, in etwa 50 Minuten vom 13. Bezirk hierher gekommen an den östlichen Stadtrand.
Die Fahrt mit den Öffis führt rasch hinaus aus den dicht bebauten Stadtgebieten, schon bald hinterm Arsenal im 3. Bezirk (von dem wird auch noch die Rede sein) wird's weiter, treten die Wohnhäuser zurück und machen Industrie- und Lagerhallen Platz. Hinter der Donau erkennt man dann gut, warum Wien entgegen aller Klischees auch eine Agrarstadt (sic!) ist: Felder reihen sich aneinander, die Landschaft ist flach und monoton, und so habe ich nicht mehr den Eindruck, in einer Stadt zu sein, vielmehr ist es ödes Flachland. Diese einstigen Versorgungsgürtel rund um viele Städte haben etwas Langweiliges, wie spannend kann ein Leben hier wohl sein?
Deswegen sind die Lotti und ich heute hierher unterwegs, um da Stimmungen einzufangen. Wir sitzen noch in der U-Bahn (die U2 hat hier praktischerweise ihre Endstation Seestadt), und bald tauchen zunächst noch in der Ferne des Marchfeldes, an dessen Westende die Seestadt liegt, die Kräne auf, die die Skyline hier auch in den nächsten Jahren noch dominieren werden. 2022, also in geplanten 4-5 Jahren soll sie dann fertig sein, wenn die dritte Bauphase abgeschlossen werden wird.
Die Seestadt wird seit einigen Jahren von der Gemeinde Wien beworben, was das Zeug hält, sie soll so eine Art Vorzeigeprojekt eines modernen, zukunftsorientierten und ökologischen, sozial verträglichen Wien sein. Hält sie aber auch, was sie verspricht?
Klar ist, wenn Du hierherkommst als BesucherIn, dann siehst Du nicht, wie effizient die Energieversorgung ist, wie gut Wärme gedämmt die Wohnungen sind oder wieviele Kinder hier leben und den örtlichen Kindergarten oder die Schule besuchen.
Dann bist Du auf das angewiesen, was Du siehst, hörst, wie es Dir geht. Und genau von diesen Wahrnehmungen über die Asperner Seestadt berichte ich JETZT.
Was gleich mal positiv auf mich gewirkt hat: Der Namensgeber der Seestadt, ein künstlich angelegter Baggersee am östlichen Rand, ist im Sommer sicher ein Höhepunkt, im Winter pfeift Dir dort der kalte Wind um die Ohren, das Wasser ist auch an manchen Stellen schon gefroren. Die Hundezone haben wir dann erst sehr viel später gefunden, aber es war wurscht, weil eh viel zu kalt. Wie schauts aus mit Leben rund um den See?
Keine Ente, keine Gans, kein Schwan, überhaupt ist mir aufgefallen, dass es hier kaum Tiere zu geben scheint. Es gibt zwar einen Haufen Land, viel (noch!!) unbebaute Fläche, aber keine schönen großen Bäume und daher auch kaum Vögel. Ganze 3 Hunde sind meiner Lotti begegnet nach mehrstündigem Aufenthalt dort - hier im 13. haben wir nach 5 Minuten bereits einen Harem beisammen!!!
Aber halt - ich wollte doch Positives berichten: Also, in der warmen Jahreszeit ist der See sicher ein Refugium, allerdings ist mir nicht aufgefallen, dass es hier irgendeine dazu passende Infrastruktur gibt, was passt denn besser zu einem See als entsprechende nette Lokale!? Woher das Wasser kommt, in dem sich im Sommer hier sicher gut baden lässt, muss ich noch eruieren, sollte das jemanden von Euch interessieren.
Sehr positiv aufgefallen sind mir auch die Straßennamen, die hier fast durchgehend mit Frauennamen bezeichnet wurden, was im Rest Wiens leider immer noch eine Ausnahme ist. Ich sitze jetzt hier in einem der wenigen Lokale der Seestadt beim Hanna Arendt Park. Die meisten Verkehrsflächen hier sind nach Widerstandskämpferinnen benannt, Ella Lingens finder sich hier ebenso wie Agnes Primocic. Ob das die Einwohnerinnen der Seestadt - es sollen laut Stadt Wien um die 20.000 werden - beeindruckt?
Die Anbindung an den öffentlichen Verkehr ist, das habe ich ja weiter oben schon erwähnt, sehr gut, die U2 Station befindet sich ein paar Gehminuten von den ersten Häusern entfernt.
So sind mein Hund und ich mit großen Erwartungen, genährt durch Presseberichte und einen Aufenthalt beim "Kranballett" im Februar 2014, wieder hierhergekommen. Fazit: Erwartungen nicht erfüllt. Klar, wenn man mit den Augen einer Wiener Fremdenführerin hier durchgeht, finden sich auf den ersten Blick keine spannenden Details, die man erzählen könnte. Viele der Häuser, die hier quasi aus der Retorte und dem Boden gestampft wurden, stammen von namhaften Architekten. Das allein macht sie aber noch nicht zu etwas Besonderem. Funktionelle, recht große Gebäude, kleine Einfamilienhäuser findet man gar nicht, dafür (angeblich) leistbare Wohnungen.
Die geplante Durchmischung von Wohnraum, Geschäften, Büros und öffentlichen Einrichtungen (Kindergarten, Schule, Polizei, Arzt, etc...) fällt nicht weiter auf. Nur das Polizeiauto stand friedlich geparkt vor dem Wachzimmer. Scheint ein friedlicher Flecken zu sein...
Auch von dem groß angekündigten (angeblich) höchsten Holzhochhaus der Welt sieht man erst ein paar Stockwerke, die Stadt entsteht regelrecht aus dem Nichts. Und so wirkt sie auch auf mich. Kennt Ihr die Bilder, die Architekten und Stadtplaner verwenden, wo dann als erstes immer kleine Gruppen von Personen vereinzelt im leeren Raum zwischen diversen Gebäuden rumzustehen scheinen? Alles neu. Es kann keine gewachsene Struktur geben, keine typischen Grätzel, wie sie in innerstädtischen Bereichen, aber auch an den Stadträndern, rund um den alten Dorfkern gewachsen sind, mit Kirche, Wirt, Häusern und einem Anger. Aus diesen typischen Siedlungen der Vororte sind dann später neue Stadterweiterungsgebiete entstanden, aber sie hatten eben eine oft sehr lange Geschichte. Hier findet man diese Vergangenheit nicht, egal ob glanzvoll wie in der Innenstadt oder einem Sommersitz diverser Adeliger oder einer bürgerlichen Gemeinde.
Aspern kennt man heute im Zusammenhang mit General Motors oder - und das war genau hier - dem ehemaligen Flugfeld Aspern, das aufgegeben wurde, als der Flughafen Schwechat seine Pforten öffnete. Von dieser Historie sieht man hier allerdings gar nichts mehr. Weiter unten, nicht zu Fuß erreichbar, findet man höchstens noch die Löwen von Aspern, die an Napoleon erinnern und eine Schlacht, die hier mal stattgefunden hat..... Aber das ist weit weg.
So bleibt uns also nur, etwas planlos rumzuschlendern. Es ist auffällig ruhig hier, kaum Menschen auf der Straße, kaum Autoverkehr (was wiederum positiv auf mich wirkt), vielleicht auch geschuldet der Tatsache, dass heute Samstag ist und viele zum 1. Adventwochenende in die Stadt oder die Einkaufszentren gefahren sind.
A propos einkaufen: Für die doch recht erstaunliche Größe der Seestadt findet man wenige Geschäfte, ein Super - und zwei Drogeriemärkte fallen mir auf, ein Büromarkt, der Friseur und schräg gegenüber 2 Restaurants. In dem einen, Portobello, einem schicken Italiener, sitze ich, esse sehr gut und kann das Lokal weiterempfehlen - auch mangels Alternativen!
Auf den Straßen gibt es genug Platz für Schanigärten in der warmen Jahreszeit, es fehlen nur leider die Lokale, die sowas betreiben könnten! Vielleicht auch deshalb ist diese Stadt so ausgestorben.
Die Idee der Stadtplaner, nachhaltiges Leben mit kurzen Erledigungswegen zu ermöglichen, wo Menschen nicht auspendeln müssen, um zu arbeiten, zu lernen, zu leben, sich zu treffen, scheint - jedenfalls auf den ersten, sehr oberflächlichen Blick - nicht umgesetzt worden zu sein. Immerhin gibt es die U-Bahn in Reichweite, in etwa einer halben Stunde ist man im Zentrum und damit im prallen Leben.
Fazit: Gut gemeint, nicht uninteressant, aber leben möchte ich hier nicht. Mir fehlt der geliebte Wienerwald, mir fehlen die alten Bäume. Sehenswürdigkeiten gibt es im Moment keine, schauen wir in ein paar Jahren noch mal vorbei, wenn sich neues Leben weiterentwickelt haben wird. Sicher keine Touristenattraktion, aber das muss sie ja nicht sein, die Seestadt. Ich hoffe nur, dass sie sich zu keinem Ghetto entwickeln wird.
Lohnt sich der Besuch? Wer moderne Wohnblocks liebt, sollte herkommen und sehen, wie eine Stadt auf dem Reissbrettt entsteht. Witzig fand ich, dass hier die Straßen nicht schachbrettförmig angeordnet sind wie in anderen Städten mit ähnlicher Entstehungsgeschichte, sondern scheinbar chaotisch zueiander stehen . Man merkt die Absicht und ist erstaunt. Die Häuser insgesamt wirken wohnlich, viele haben Balkone, manche wirken seltsam. Vielleicht muss man hier leben, um sie gut zu finden, die Seestadt.
Aber gesehen haben sollte man sie auf jeden Fall einmal, und sei es auch nur, um meine sehr persönlichen Ansichten vielleicht zu widerlegen!!..
Und morgen mache ich dann einen Ausflug in einen Bezirk, der nur heisst, als ob er so neu wäre - Neubau, der 7. Wiener Gemeindebezirk. Da hab ich viel mehr Anknüpfungspunkte...
Freue mich auf Eure Kommentare
Eure Susanne
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Schispringen?
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weisse Pferde und blonder Hund.
Pferde - Holz Hund - Fleisch und Blut und recht stur |
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| diese Balkone wirken etwas deplatziert, fand ich. aber sie schaffen in ihrem eigenen Kabäuschen extra Wohnraum.. |
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| Seestadt- See und Stadt |







